Sterbehilfe

Liberalisierung der Sterbehilfe würde Druck auf Alte und Schwerstkranke ausüben. Präsidentin Korosec will Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung und einen aktiveren Umgang mit dem Sterben.

Anlässlich der VfGH-Anhörung zur Lockerung des Verbotes der aktiven Sterbehilfe spricht sich der Österreichische Seniorenbund vehement gegen jegliche Liberalisierungstendenzen aus. „Ein funktionierendes Palliativ- und Hospizsystem und die Gewissheit, im Notfall die benötigte Pflege zu bekommen, macht jede Diskussion um aktive Sterbehilfe obsolet“, hält Seniorenbund-Präsidentin Ingrid Korosec fest. Sie betont, dass laut Umfragen in Deutschland 95 Prozent der Schwerstkranken durch eine gute Palliativversorgung von ihrem vorzeitigen Sterbewunsch abkommen, während in Staaten mit liberaleren Gesetzen die Nachfrage an Sterbehilfe deutlich anstieg. „Wir müssen die Schwächsten unserer Gesellschaft auch weiterhin schützen“, mahnt sie.

Enormer Druck auf ältere Menschen befürchtet

Das Präsidium des Österreichischen Seniorenbundes weist geschlossen auf die enormen Risiken hin, die eine Liberalisierung des Verbots zur „geschäftsmäßigen Suizidbeihilfe“, bringt. „Eine Lockerung der Sterbehilfe würde sehr alte, schwerkranke oder pflegebedürftige Menschen unter starken Druck setzen. Etwa, weil sie Angst haben könnten, der Gesellschaft zur Last zu fallen, zu teuer, oder unnütz zu sein oder eine Wohnung für ihre Kinder zu blockieren. Sie könnten dann in die Defensive geraten und müssten sich rechtfertigen, wieso sie das Angebot der erweiterten Sterbehilfe nicht in Anspruch nehmen“, befürchtet LT-Präs.a.D. Bgm.a.D. Herbert Nowohradsky, Landesobmann des Niederösterreichischen Seniorenbundes.

Dem pflichtet LH.a.D. Dr. Josef Pühringer, Landesobmann des Oberösterreichischen Seniorenbundes, bei: „Straffreiheit wird in vielen Fällen für Leidende und Sterbende womöglich zu einem gesellschaftlichen Druck führen und möglicherweise zu einer rein ökonomischen Sicht auf die Pflege, Hospiz- und Palliativmedizin – in einer hochzivilisierten Gesellschaft darf es darüber aber niemals eine Kostendebatte geben, denn das Leben ist nicht bezifferbar“. Er weist auch auf die prekäre Lage hin, in die Menschen mit Demenz durch eine Liberalisierung der Sterbehilfe geraten könnten. „Derzeit leiden 130.000 Menschen an einer Form von Demenz, laut Prognosen werden es bis 2050 doppelt so viele Menschen sein, also mehr als eine Viertelmillion Österreicherinnen und Österreicher. Die Entscheidung, wie jemand stirbt, liegt in diesen Fällen dann beim Erwachsenenvertreter. Das darf nicht sein!“, appelliert Pühringer.

„Töten auf Verlangen“ muss eine rote Linie bleiben!

Auch der von Befürwortern einer Liberalisierung als Argument herangezogene Entscheid des deutschen Bundesverfassungsgerichts ist kein Freibrief. „Selbst das deutsche Bundesverfassungsgericht hat davor gewarnt, dass sich Missbrauch und Fehlentwicklungen bei der erweiterten Sterbehilfe nicht verhindern lassen. Außerdem lässt sich oft nicht feststellen, wie authentisch der Wunsch, zu sterben, wirklich ist. Das sind Gefahren, die man nicht unterschätzen darf und welche eine rote Linie darstellen müssen.“, gibt BR-Präs. a.D. Gregor Hammerl, Landesobmann des Steirischen Seniorenbundes, zu bedenken.

Seniorenbund-Vizepräsidentin Abg.z.NR. a.D. Mag. Gertrude Aubauer warnt: „Wer das Töten auf Verlangen gestattet, muss sich der Konsequenzen bewusst sein. Menschen zu töten, ist ein Tabubruch, daran ändert auch das Argument nach mehr Selbstbestimmung nichts! Wenn wir diese Linie überschreiten, können sich die Schwachen in unserer Gesellschaft, wie Alte, Kranke, Demente oder Menschen mit schweren Behinderungen nicht mehr auf den gesellschaftlichen Schutz verlassen. Noch so tragische Einzelfälle dürfen nicht dazu führen, dass dieser Schutz für alle aufgehoben wird.“

Schmerzen lindern: Forderung nach Ausbau der Palliativversorgung

Statt einer Liberalisierung der aktiven Sterbehilfe fordert der Österreichische Seniorenbund, sich stärker auf die Alternativen zu konzentrieren. Das bedeutet neben einer umfassenden Pflegereform auch einen offeneren Umgang und Diskurs über das Sterben. „Uns fehlt eine Kultur des Sterbens. Viele setzen sich mit dem Tod erst auseinander, wenn es soweit ist. Wir müssen das Sterben nicht als etwas rein Medizinisches sehen, sondern als Teil des Lebens, auf den wir alle zusteuern“, sagt Korosec.

„Wir müssen in der Frage der Sterbehilfe nicht mehr bei Null anfangen“, meint Gertrude Aubauer und verweist auf die Enquete-Kommission „Würde am Ende des Lebens“ von 2014/2015, der mehr als 500 Experten, Praktiker, Ärzte und Pfleger angehörten und deren Mitglied sie war. „Wir haben gehört, was die Menschen bewegt. Einhelliger Tenor dabei: Menschen wollen nicht leiden müssen! Das Wichtigste ist, Ängste zu nehmen und Zuwendung zu schenken. Daher haben alle Parteien einstimmig den Ausbau von Hospiz- und Palliativversorgung beschlossen“, sagt sie.

Auf diesen Ausbau besteht der Österreichische Seniorenbund, „damit die Menschen Mut zum Leben und auch zum Sterben haben“, sagt Ingrid Korosec. Sie erinnert dabei an Kardinal Franz König, der die Überzeugung des Seniorenbundes auf den Punkt brachte: „An der Hand, nicht durch die Hand eines anderen Menschen sterben“. „Dieses Credo gilt unverändert!“, betont Ingrid Korosec abschließend.

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